Dez 202009

Bolt vs. Bekele – wo bleiben die Deutschen?

Das Aufeinandertreffen der Laufexperten Dieter Baumann (5000m Olympiasieger ‘92), Henning von Papen (Bundestrainer im Laufbereich), Wolf-Dieter Poschmann (Moderator und erfolgreicher Läufer) und Prof Joachim Mester (Deutsche Sporthochschule) zu diesem Thema an der Deutschen Sporthochschule Köln wurde seit Tagen mit Spannung in den Trainingsgruppen der heimischen Läufer erwartet. Nicht zuletzt, weil zwei von uns, Benny Tellkamp und Sebastian Weiss, die Veranstaltung organisierten.

So wurden auch ein paar Hintergrundinformationen bekannt: “Poschi”, eigentlich als Moderator geplant, wollte selber an der Diskussionsrunde teilnehmen. Der ehemalige Läufer und Leistungssportler war dem neuen Moderator Sebastian Hempfling zufolge  “heiss wie Frittenfett” auf die Diskussion.

Baumann, von Papen, Mester, Poschmann, Hempfling

v.l.n.r.: von Papen, Baumann, Mester, Poschmann, Hempfling. Foto: Gisela Maubach

Der Abend begann mit einem einstündigen Vortrag von Dieter Baumann zu den Gründen der “Krise” im deutschen Laufbereich. Doch zuerst nahm er sich und seine “Zahnpaschta”-Affäre auf die Schippe und erzählte die Story vom Taxifahrer in Tübingen, der den “Zahnnpaschta-Man” erst nicht erkannte.

Stand der Dinge

Dann gab es kurz ein paar Fakten:

  • Rückgang der Leistungen deutscher Läufer (800-10.000) bei Großereignissen seit 1999, trotz gleichbleibenden Leistungen bei den 15-jährigen.
  • Erfolge von Nachwuchsläufern bei der U20-WM, die sich dann aber später noch nicht einmal für Großereignisse wie Olympia qualifizieren.

Zu frühe Spezialisierung

Eine der Ursachen liegt für den ehemaligen Olympiasieger in der zu frühen Spezialisierung von Kindern auf eine Sportart. Das heisst seiner Meinunng nach nicht, dass Kinder nicht schon früh spezifischen Belastungen, wie Ausdauertraining, ausgesetzt werden sollten. Kinder sollten aber nicht schon mit 10 Jahren nur Leichtathletik betreiben “und ihren Weitsprung Anlauf ausmessen können”. Denn wenn diese dann mit 20 Jahren ihrer Meinung nach alles kennen gelernt haben, was die Leichtathletik zu bieten hat, dann haben sich auch schon “keinen Bock mehr”. Was ihnen aber mit 20 noch fehlt ist die Kenntnis ihrer eigenen Leistungsfähigkeit und Grenzen. Was durchaus noch spannend und motivierend sein kann. Forciert werden dürfte diese zu frühe Spezialisierung auch durch die neu ins Leben gerufene Jugend-Olympiade, die erstmals 2010 stattfindet.

Eine Lösung kann aus Sicht des erfahrenen Läufers, der nun auch Trainer ist, ein “sportartübergreifendes Multitraining” für alle Kinder bis 15 Jahre liefern. Die tägliche Dauer mit der Kinder Sport betreiben ist die Grundlage für jegliche spätere Leistungsfähigkeit. Auch Prof. Joachim Mester ist der Meinung, dass eine “frühe konditionelle Ausbildung” ein wichtiger Baustein ist.

Schlecht (bis Nicht-) funktionierendes Kadersystem

Zudem bringen Baumann zufolge die Leistungszentren und Eliteschulen des Sport oft unmündige Athleten hervor. Diese Athleten müssen sich kaum gegen Widerstände in ihrer Umgebung durchsetzen. In Wettkämpfe jedoch sind auch sie auf sich alleine gestellt. Nicht geförderte Athleten lernen besser sich durchzubeissen und müssen eine sehr viel höhere Eigenmotivation mitbringen, um eine ähnliche Leistung zu erreichen. Letztere haben oft langfristig gesehen mehr Erfolg. Diese Meinung teilte auch Wolf-Dieter Poschmann in der späteren Diskussion.

Interessante Ergebnisse brachte in diesem Zusammenhang auch die Momentum-Studie an der Prof. Joachim Mester beteiligt war. Die Studie zeigte, dass 40% der Nachwuchskaderathleten die gleiche Ausdauerleistung wie Athleten ohne Kaderzugehörigkeit hatten. Eine nähere Untersuchung ergab, dass die Nachwuchskaderathleten “kaum trainierten”. In der späteren Diskussion ergab sich hier nur die Frage, ob dies vielleicht an bestimmten Sportarten lag. Auf jeden Fall zeigt die Untersuchung, dass das Nachwuchskadersystem aktuell so nicht funktioniert und der einzige Sinn dahinter die frühe Bindung von Kindern an eine Sportart ist.

Höhere internationale Konkurrenz in “einfachen” Sportarten

Auf der anderen Seite beklagte Baumann die “ungerechte Verteilung der Fördergelder”, da Sportarten mit wenig internationaler Konkurrenz, wie Bobfahren, durch den DOSB nach den gleichen Kriterien bewertet wird, wie die Leichtathletik. Ein Läufer braucht jedoch nur ein paar Turnschuhe, wenn überhaupt, und keine spezielle Wettkampfstätte, so dass die Konkurrenz besonders aus sozialschwachen Ländern viel größer ist.

Bei der Leichtathletik WM in Berlin waren in den Laufdisziplinen fast nur afrikanisch-stämmige Läufer auf dem Siegerpodest. Der soziale existenzielle Druck dieser Läufer ist natürlich wesentlich größer als der deutscher Läufer. Deutsche Läufer haben neben dem Sport meist noch viele andere berufliche Möglichkeiten.

Wolf-Dieter Poschmann ist der Meinung, dass solche “einfachen Sportarten” von Sportlern in sozialschwachen Ländern mit so viel Engagement betrieben werden, dass deutsche Läufer “nie wieder eine Medaille” holen werden. Diese Meinung teilen Dieter Baumann und Henning von Papen nicht. Henning von Papen ist der Meinung, dass der DLV “auf die Talente warten” und in Meisterschaften “auf ein taktisches Rennen hoffen” muss.

Hier stellte sich dem Zuhörer die Frage, warum talentierte Läufer mit solch einer extremen Spurtstärke wie Jan Fitschen solange zu einer Olympiaquali getrieben werden, bis sie sich verletzen und über ein Jahr ausfallen. Einer wie Jan Fitschen hätte z.B. im olympischen 5000m Finale von Sydney eine echte Chance gehabt.

Fokussierter Leistungssport passt nicht in unsere Gesellschaft

Dann brachte “Poschi” die Diskussion nochmal in Gang mit der Aussage “Laufen ist uncool”. Baumann konterte, dass laufen cool ist, wenn der Lehrer oder Trainer “das so verkauft und Vorbilder auf der Bahn stehen”. Ein Zuhörer war der Meinung, dass Leistung in unserer Spaßgesellschaft uncool geworden ist. Dem setzte Poschmann entgegen, dass Erfolg auf medialer Ebene, und nicht Leistung honoriert wird. Die Leistung braucht einen Markt, erst dann stellt sich der Erfolg ein. Er ist der Meining, dass der Sport an sich dem Sportler Spaß machen muss, was im Ursprung des Worts Sport (von lateinisch portare – zerstreuen) liegt.

Baumann ist der Meinung, dass sich viele Leistungssportler zu wenig auf ihren Sport fokussieren und dem sozialen Druck der Spaßgesellschaft zu oft nachgeben. Leistung wird jedoch nur durch “Kontinuität im Training” erbracht. Ein Zuhörer und selber Leistungssportler, war jedoch der Meinung, dass der “Civilization Gap” durch seinen Leistungssport zu groß geworden ist. Henning von Papen meinte, in eine ähnliche Richtung zielend, dass leistungssporttreibende Studenten, die einen Großteil der Olympiateilnehmer stellen, bald keine Leistung mehr bringen, “wenn der Bachelor durchschlägt”.

Athleten und Trainer – Was können WIR verbessern

Eins der größten Probleme ist der Trainermangel in Deutschland, wie Henning von Papen berichtet. Seine Aussagen unterstützte auch ein Kommentar aus dem Publikum: “Die Motivation steht und fällt mit dem Trainer”.  Poschmann zieht jedoch aus seiner aktiven Zeit den Schluss, dass “man keinen Trainer braucht”.

Er hat damals selber verschiedene Trainingsmethoden (z.B. nach Arthur Lydiard) ausprobiert, um so seine Grenzen kennen zu lernen. Nachdem er von einem kenianischen Athleten das Trainingsmotto “Every day I stress my body” hörte, trainierte er selber solange nach dem Prinzip bis er “mit 40 Grad Fieber” im Bett lag. Im nachhinein ist er der Meinung “wir haben viel zu hart trainiert”, und meint nicht ganz ernst “hätten wir besser trainiert, hätten wir Weltrekord laufen können”.

Auch Baumann ist der Meinung, dass die Athleten hart trainieren und viel ausprobieren müssen, um ihre Grenzen und das optimale Training kennen zu lernen. Er berichtet, dass der Trainer der sehr erfolgreichen amerikanischen Athleten Alberto Salazar z.B. früher “über 300km in der Woche” trainiert hat. Ob seine Athleten heute genauso viel trainieren ist aber zu bezweifeln.

Hier wurde dann über das Trainingssystem in den afrikanischen Ländern diskutiert. Die Afrikaner trainieren laut Baumann nur punktuell über ca. 3 Wochen sehr hart und machen dann eine ganze Woche nichts. Ein ähnliches System verfolgt er auch mit seiner Tübinger Trainingsgruppe.

Ein weiterer Vorteil der Afrikaner sind die riesigen Trainingsgruppen. In Kenia trainieren “oft 80-100 Athleten in einer Gruppe” und motivieren sich gegenseitig. Auch Baumann befürwortet solche Trainingsgruppen und führt exemplarisch das Training in Tübingen an, wo “vom 10-Jährigen bis zum deutschen Spitzenläufer” Sportler in ähnlich großen Gruppen regelmäßig im Stadion trainieren. Viele kommen natürlich wegen dem Olympiasieger, aber Baumann ist der Meinung, dass jeder ehemalige Leistungssportler eine Trainingsgruppe mit 10 Athleten aufbauen sollte. Dann wäre das Trainer und Nachwuchsproblem gelöst.

Ich fragte gegen Ende, ob Baumann immer noch der Meinung ist, dass alle guten deutschen Läufer auf eine höhere Strecke umsteigen sollten, weil Ihnen auf ihrer Strecke die Grundschnelligkeit fehlt, um international konkurrenzfähig zu sein. Baumann stimmte dem zu und begründete die fehlende Bereitschaft zum Umstieg mit dem fehlenden Konkurrenzdruck im eigenen Land. Viele Sportler werden als deutsche Meister hochgelobt und ruhen sich auf diesen Erfolgen aus.

Sechs Punkte zur Verbesserung der Leistungen (und Erfolge?) deutscher Athleten

Diese sechs Punkte forderte Baumann am Ende seines Vortrags:

  • Ein Verbessertes Fördersystem des DOSB mit Verzicht auf zentrale Leistungszentren
  • Eine bessere Vernetzung von Trainern und Athleten
  • Eine verbesserte Lehrgangskultur zum Wissensaustauch
  • Ein besseres Wettkampfangebot in Deutschland mit vernünftigen Niveau
  • Eine bessere Unterstützung durch Medien und Sportwissenschaft
  • Mehr Eigeninitiative von Trainern und Athleten

Mein Fazit

Insgesamt ein gelungener Abend mit vielen interessanten Gedanken. Der Hörsaal war voll (300 oder mehr Zuhörer), natürlich auch aufgrund des tollen Marketings von Sebastian und Benny. Baumann und “Poschi” boten genügend Show – beide sind in ihrer aktiven Zeit auch gegeneinander gelaufen- um die Aufmerksamkeit der jüngeren Generation zu bekommen. Die Diskussionen lassen sich natürlich noch endlos vertiefen, aber es ist klar, dass jeder Einzelne, der die Leichtathletik liebt, mit anpacken muss, um “seinen Sport” wieder nach oben zu bringen.

Die Organisatoren freuen sich schon aufs nächste Jahre, dann unter dem Titel “Serbien gegen Südafrika – wo bleiben die Deutschen?” Kommentare und weiterführende Diskussionen erbeten.

Gruß, Lars

Dez 082009

Am 09. Dezember um 19 Uhr findet an der Deutschen Sporthochschule in der Aula 1 eine Diskussion zum Thema

“Bolt vs. Bekele – Wo bleiben die Deutschen?”

statt.
In der Diskussionsrunde treffen sich die Sportexperten:

  • Dieter Baumann – 1992 Olympiasieger über 5000m und deutscher Rekordhalter mit 12.54min.
  • Wolf Dieter Poschmann – Bekannter Sportmoderator und selber ehemaliger Leistungsläufer mit einer Bestzeit von 13.35min.
  • Henning von Papen – Bundestrainer im DLV und Trainer beim ASV Köln mit einer Bestzeit von 3.39min auf 1500m.
  • Univ.-Prof. Dr. Joachim Mester – Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Moderation: Sebastian Hempfling – erfahrener Moderator und Laufexperte.

Idee und Organisation:  Benjamin Tellkamp und Sebastian Weiß, zwei Läufer der LG ASV DSHS Köln.

Alle Interessenten sind herzlich eingeladen!

Gruß
Lars